Warum mach ich den Scheiß eigentlich?

Der nachfolgende Post war eigentlich als Kommentar zu diesem Blogbeitrag gedacht, ist aber während des Tippens zu dem „Warum mach ich den genderpopender-Scheiß eigentlich“- Text geworden, den zu schreiben ich seit Monaten prokrastiniert habe. Er dreht sich größtenteils um die Piraten, ist aber auch auf Geekfeminism übertragbar. Ganz fertig ist er nicht, aber wenn ich darauf warten würde, würde er auf Ewig in meiner TODO-Schublade rumgammeln. Was soll’s. Hoffentlich lern ich was dazu.

Hallo Nordlicht,

ich bin eine von den Kegelklublerinnen, die für die Umfrage verantwortlich ist. Auch wenn ich wahrscheinlich ein paar Jahre jünger bin als du, sieht meine Biografie ähnlich aus– ich habe mit Lego und Barbies gespielt, Baumhäuser gebaut und meinen Stofftieren Hosen genäht. Meine Eltern (ihres Zeichens Kreative) haben mir vermittelt, dass sie mich in allem unterstützen, was ich anpacke– auch wenn sie die Nachricht, dass ihre Kunst-Leistungskurs-Tochter jetzt Informatik studiert, etwas verdattert hat. In den 2,5 Jahren seit meinem Studienbeginn habe ich zum allergrößten Teil wunderbare Menschen getroffen, die mir bedingungslos geholfen und mich für voll genommen haben. Auch wenn ich im ersten Sommer bei 35° in langer Jeans und T-Shirt ordentlich geschwitzt habe. ;D

Ich bin im Januar 2010 in die Piratenpartei eingetreten, weil die Emma den Piraten mit hanebüchenen Begründungen den Pascha des Monats verliehen hat und ich bei der Debatte mit den Redakteurinnen und im Forum nicht mehr „die“, sondern „wir“ schreiben wollte. Auch damals gab es eine Genderdebatte – die innerhalb und außerhalb der Piratenpartei nach den Aktionen von Leena Simon gehörig aus dem Ruder lief.

Auch ich war empört: Gerade unter Nerds hat mein Geschlecht so selten eine Rolle gespielt und jetzt wird mir der Stempel aufgedrückt, ich sei benachteiligt? Bitte?
(Ich finde die Debatte bis heute unglücklich, die Gründe dafür sprengen aber den Rahmen dieses Posts) Und jetzt, fast 2 Jahre später, roll ich’s trotzdem noch einmal auf. Meinen Beweggrund dafür hast du bereits formuliert:

„Jawoll, ich bin eine Frau, und ich fühle mich schon wohl hier. Lasst uns trotzdem gucken, wie wir *andere* Frauen zum Mitmachen bewegen können.“

Ich hege mittlerweile den Verdacht, dass ich sowohl in der Informatik als auch bei den Piraten recht schnell Anschluss gefunden habe, weil ich meine Jugend fast ausschließlich unter Kerlen verbracht habe. Ich kann zwar nähen und auf 12 cm-Absätzen laufen, aber ich kann eben auch die „typischen Jungssachen“: Ich rede laut, unterbreche andere viel zu oft (arbeite dran), bin leicht reizbar und die ungeschlagene Rülpskönigin meines Freundeskreises. Ich finde mich in Männergruppen unterschiedlichster Konstellation meistens zurecht.

Aber ich will nicht, dass das die Voraussetzung für politische Teilhabe ist.

Wenn wir uns auf die Fahne schreiben, eine Mitmachpartei zu sein, dann müssen wir auch dafür sorgen, dass Menschen, die ungern auf den Tisch hauen oder gelernt haben, dass man auch mal zurückstecken muss oder dass sie xyz eh nicht können oder die von einer harschen Diskussionskultur oder taktlosen Anmachen abgeschreckt sind… usw. bei uns mitmachen können und wollen. Und diese Eigenschaften gehören alle zur traditionellen /weiblichen/ Geschlechterrolle, die uns im Laufe unseres Lebens mehr oder weniger stark vermittelt wurde. ( Ich sehe die oben genannten Kriterien nicht als in Stein gemeißelt an. Ziel der Umfrage war es ja u.a. auch, herauszufinden, was denn genau abschreckend wirkt. Denn dass wir ein Abschreckungsproblem haben, lässt der gefühlte Frauenanteil sowie der von Frauen in Piratenämtern (9% laut Lena Rohrbach) stark vermuten. )

Hier sollte eigentlich ein Absatz stehen, der betont, dass Genderpopender weder Frauensache ist noch sich nur um Frauen dreht und dass ich Männer gerne stärker mit einbeziehen will, dass ich mir der abschreckenden Wirkung und der Abwehrreaktionen bewusst bin und auch dort an mehr open-ness arbeiten möchte. Gerade bei den Piraten gibt es genug Menschen aller Geschlechter, die sich nicht Rollenkonform verhalten und sehr schmerzhafte Reaktionen darauf erfahren mussten. Der Absatz sollte die „What about teh Menz!!“- Schreier beschwichtigen, aber gleichzeitig betonen, dass es, wie @rhotep so schön schrieb, ganz allgemein um unseren Umgang miteinander und um die Frage, wie wir Menschen verschiedener Sozialisation gleichberechtigt einbinden können geht. Leider verläuft die Grenze zwischen Ausschluß- und Integrationsmechnismen in der Gesellschaft und – wenig überraschend – auch bei uns häufig eben gerade dort, wo auch die Grenze zwischen den traditionellen Geschlechterrollenbildern verläuft.
Ich habe diesen Absatz nicht elegant eingebunden bekommen und deshalb steht er jetzt als Klumpen hier. Weiter geht’s!

Dass das Ganze nicht die einzige Baustelle ist, ist mir auch klar. Ich glaube aber, das es wichtig ist, sie anzupacken. (Ganz abgesehen davon, dass wir dabei viele Erfahrungen für die nächsten Baustellen sammeln können)

Du sagst, du hast Angst, dass die Debatte das Klima dahingehend verändern könnte, dass du nicht als Pirat, sondern nur noch als Frau wahrgenommen wirst. Das ist eine valide Befürchtung, die ich teile. Der Punkt ist nur– du wirst jetzt schon als Frau wahrgenommen. Du heißt nur nicht so.
Wir hatten letztens einen Abend im Dicken Engel zum Thema Netzfeminismus und einen Diskussionsabend im Kegelklub-Mumble– neben sehr tollen Beiträgen gab es dort auch Beiträge, die genau das lieferten, was du für die Zukunft befürchtest. Es gab…

• Den Piraten, der meinte, Frauen sollen doch mal sichtbarer werden indem sie z.B. Frauenthemen wie Familien und Bildung kapern
• eine Gruppe von Piraten, die betonte, dass sie Frauen in der IT ja total total klasse fänden würden, wenn diese überdurchschnittlich kompetent wären und keinen Nagellack trügen. Wer die Chuzpe besitzt, beim Coden auch noch Weiblichkeit raushängen zu lassen, müsse sich nicht wundern wenn er (oder sie) nicht ernst genommen wird.
• Piraten, die meinten, ein Stammtisch sei ihr Wohnzimmer und deshalb müssten andere darauf Rücksicht nehmen, wenn sie dort Witze über Stereotype reißen wollen, bitte sehr. ( Der Hinweis, dass gerade Neulinge davon verletzt oder abgeschreckt würden, wird dabei gern als Zensur abgetan )

… Um nur einige Beispiele zu nennen. Die Aufnahmen der Abende findest du hier: Dicker Engel vom 17.11.2011,
1. Abend im kegelklub-Raum (14.11.2011)
Bemerkenswert war hierbei, wie viele der Redner am Anfang ihres Beitrages betonten, wie Post-Gender sie doch seien, um dann zu alltagssexistischen Tiefschlägen auszuholen.

Ich weiß, dass das weder die Mehrheit noch repräsentativ ist. Ich habe gerade während des Berlin-Wahlkampfes unglaublich viele tolle, konstruktive, hilfsbereite, vorbehaltlose nette Piraten aller Geschlechter (und Landesverbände) kennen gelernt und es war eine Freude, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Wir haben den kompletten Sommer über gemeinsam an der Belastungsgrenze geschuftet und gemeinsam ein unglaubliches Ergebnis eingefahren. Diese Erfahrung möchte ich um keinen Preis missen.
Ich möchte mit so vielen Piraten wie möglich diese oder ähnlich grandiose Erfahrungen teilen, ich möchte, dass sie all die tollen Menschen kennen und lieben lernen wie ich es getan habe, dass sie mit Stolz auf die großartigen Dinge gucken können, die sie aus dem nichts geschaffen haben, dass sie das Gefühl kennen lernen, neben einem proppevollen Wahlkampfmobil zu stehen und vor Freude über die 9%-Prognose, die einem gerade am Telefon entgegengeschrien wurde, fast zu heulen.
Und es macht mich unfassbar wütend, wenn diese Chance von einigen wenigen lauten Idioten zerstört wird.

Hier: http://www.haecksen.org/index.php/HowtoEncourageWomenToLinux Schreibt Valerie Aurora:
„Wenn deine Gruppe neun hilfsbereite und höfliche Mitglieder hat, und ein ungehobeltes, sexistisches, lautes Mitglied, werden die meisten Frauen wegen dieses einen Mitglieds weiter fernbleiben. Ich sehe ein, dass das den anderen Mitgliedern der Gruppe gegenüber unfair ist, aber so ist nun mal die Realität.“
Und das ist der Knackpunkt. ( Überhaupt lässt sich sehr vieles, was in diesem Artikel beschrieben wird, auf die Piratenpartei übertragen )
Wir müssen lernen, dieses Mitglied zu Identifizieren – und darauf zu achten, ob wir selbst nicht manchmal dieses Mitglied sind. Wir müssen sensibler werden für Mechanismen, die Menschen ausschließen – ganz oft sind es Dinge, die überhaupt nicht so gemeint sind! Wir müssen dennoch lernen, einem Stammtischmitglied zu sagen, dass der Scherz gerade eben nicht okay war. Auch wenn es „nur ein Scherz“ war. Und auch, wenn wir die Person sonst sehr gern mögen und ihre Arbeit schätzen.
Wir werden den Sexismus, den wir alle mehr oder weniger bewusst mit auf den Weg bekommen haben, nicht los, indem wir ihn tabuisieren. Wir können uns nicht dahinter verstecken, dass wir laut Parteiprogramm Post-Gender seien, vor allem nicht, wenn wir kaum begriffen haben, was dieses Genderdings überhaupt bedeutet. Gerade als Partei, die den Anspruch erhebt, sich mit Dingen, zu denen sie sich äußert, gründlich und pragmatisch zu befassen, haben wir hier alle noch viel zu lernen und ordentlich an uns zu arbeiten (und ich an mir).
Und deshalb mache ich diesen Genderpopender-Scheiß.

( mit Dank an @rhotep, der mir geholfen hat, Gedanken und Sprache etwas zu sortieren. )

flattr this!

15 comments Write a comment

  1. Wenn Dich mein Posting zu diesem Text inspiriert hat, ehrt mich das zutiefst :-)

    Leider habe ich im Moment nicht die Zeit, ihn tatsächlich konzentriert zu lesen. War ein bisschen unhöflich von der EMMA, dass Genderfass im Weihnachts-Stress aufzumachen…
    Was ich aber beim Überfliegen mitbekommen habe, unterschreibe ich, und im neuen Jahr muss ich mal sehen, wie ich den kegelclub unterstützen kann.
    Eigentlich ein bisschen doof, weil ich den Piraten ursprünglich nicht beigetreten war, um Frauenpolitik zu machen. Wie Du schon schreibst, auch mir liegt es nicht, hauptberuflich “Frau” zu sein.

  2. Hallo DanielaKayB,
    ich wollte dich nicht drängen, dich uns anzuschließen (falls das so rüberkam). Ich wollte nur erklären, warum ich im Kegelklub aktiv bin. Dass du nicht den Piraten beigetreten bist, um „Frauenpolitik“ zu machen und daher andere Interessenfelder hast respektiere ich und finde ich super. Der Kegelklub ist eben dazu da, um Piraten wie dir den Rücken freizuhalten. ;)

  3. Nein, Lotte, so ist das auch nicht rübergekommen.

    Ich versuche nur seit meinem Eintritt,bei den Piraten *meine* Nische zu finden, und vielleicht ist die wertvollste Arbeit, die ich *jetzt* tun kann, mit breiter Brust als Piratin dazustehen…?

  4. Danke für den wunderbaren Beitrag :) Und danke auch für die Umfrage, ich hoffe, dass die Ergebnisse eine möglichst konstruktive Diskussion anstoßen werden. Wichtig ist, dass ein Bewusstsein für die Relevanz dieses Themas geschaffen wird. Wenn manche Leute doch nur mal ihre Paradigmen überdenken würden…

  5. “Wir müssen lernen, dieses Mitglied zu Identifizieren – und darauf zu achten, ob wir selbst nicht manchmal dieses Mitglied sind. Wir müssen sensibler werden für Mechanismen, die Menschen ausschließen – ganz oft sind es Dinge, die überhaupt nicht so gemeint sind!” – WORD.

  6. Starker Beitrag. Auch weil er bei diesem Thema ohne die üblichen Seitenhiebe und Anschuldigungen auskommt. Die Schreibe gefällt mir auch.

  7. danke! einer der klügsten Beiträge zu dem Ganzen. freue mich sehr – und bin wahnsinnig froh, die Ehre zu haben, mit dir nächste Woche den Workshop zu rocken <3
    Frohe Feiertage bis dahin.

  8. Pingback: Leseempfehlungen | stk

  9. Pingback: Popender-Trouble « sanczny

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