Juni 21, 2012 10

Noobspotting

By in Allgemein
Der kläglich gescheiterte Versuch, eine Antwort auf folgende Stelle in monoxyds Blogpost zu seinem anstehenden Blue Moon über Sexismus in Gaming und Interwebs in einen Tweet zu quetschen.

PS: Ab und zu höre ich in Diskussionen: “Das will ich nicht erklären, dass hast du dir gefälligst selbst anzulesen.” Abgesehen davon, dass ich das eine anstrengende Einstellung finde, gilt das heute Abend nicht. Diese Sendung findet für ALLE Menschen statt, insbesondere also auch die, die sich noch nie mit dem Thema beschäftigt haben, es aber wollen.

Was mir hier nämlich fehlt ist die Berücksichtigung der Art, wie die Frage gestellt wird. Einsteigerfreundliche Formate zu gestalten finde ich gut, richtig und notwendig. Danke allen, die sich damit befassen. Ich lerne selbst besser durch Zuhören und Nachfragen als durch Lesen und schätze solche Formate daher generell sehr. Die (verkürzte) Antwort darauf, warum ich dennoch in letzter Zeit leider des öfteren zur RTFM-Femnistin mutiere, findet sich allerdings auch im vorherigen Satz.

Zuhören und Nachfragen

Grob über den Kamm geschert gibt es zwei Sorten Noobs: Die, die zuhören und nachfragen und die geborenen Experten™. Für Erstere kann ich monoxyds Regel vollkommen unterschreiben: Nichts hindert einen Lernprozess mehr als die Angst, für Fragen sofort auf den Deckel zu bekommen. Ich habe auf Sätze wie „Ich kenn mich noch nicht so aus, aber ist es nicht so, dass… ?“,„wie genau meinst du das?“, „Magst du mir kurz erklären, was das heißt?” („geht grad nicht“ „oh sorry, wollt nicht stören.“ „passt schon.”), „Könnte man nicht auch…?“ in Hackerspaces, Unis, (Netzfeministischen) Bierrunden usw. so gut wie immer nette Antworten oder Erklärungen bekommen. Das schätze ich sehr an der Filterblase, in der ich mich bewege und ich gebe mein Bestes, dies auch weiterzugeben. Ich finde es allerdings legitim, dafür ein Mindestmaß an Respekt und Freundlichkeit zu erwarten. Und das habe ich leider in Feminismusdebatten sehr oft schmerzlich vermisst.

RTFM before you discuss

Es ist vollkommen okay, keine Ahnung zu haben. Es ist großartig, (Verständnis)fragen zu stellen. Was allerdings absolut nicht okay ist, ist in eine Diskussion einzusteigen, ohne sich wenigstens die Mühe gemacht zu haben, den Wikipediaartikel gelesen zu haben, und dann (oft mit Nachdruck) zu erwarten, dass die Thesen, die man gerade in den Raum gestellt hat und die offensichtlich machen, dass man die Lektüre dieses Artikels versäumt hat, sofort, offen und freundlich diskutiert werden (ungeachtet das Tones den man selbst angeschlagen hat). Es ist unfreundich und respektlos den Diskussionsteilnehmer*n gegenüber.
Blicke von Außen sind erfrischend und bringen oft neue Gedanken mit, auf die man dank Fachidiotie-Scheuklappen nie gekommen wäre. Die wertvollsten dieser Beiträge entstehen aber in einem Dialog, nicht im brachialen durchdrücken der eigenen, subjektiven Meinung.

Es nervt bei Texteditordiskussionen genau so wie bei Genderpopenderkram, aber bei Feminismusdebatten kommt ein ganz wichtiger Aspekt hinzu:

There are the occasions that men—intellectual men, clever men, engaged men—insist on
playing devil’s advocate, desirous of a debate on some aspect of feminist theory or reproductive rights or some other subject generally filed under the heading: Women’s Issues. These intellectual, clever, engaged men want to endlessly probe my argument for weaknesses, want to wrestle over details, want to argue just for fun—and they wonder, these intellectual, clever, engaged men, why my voice keeps raising and why my face is flushed and why, after an hour of fighting my corner, hot tears burn the corners of my eyes. Why do you have to take this stuff so personally? ask the intellectual, clever, and engaged men, who have never considered that the content of the abstract exercise that’s so much fun for them is the stuff of my life.

Schnell und grob übersetzt in etwa:

Immer wieder bestehen Männer– intellektuelle Männer, kluge Männer, Männer, die sich mit dem Thema befassen– darauf, den Advocatus Diaboli zu spielen, um eine Debatte über Themen, die in der Regel unter „Frauenrechte“ zusammengefasst werden, zu starten. Diese intellektuellen, klugen, engagierten Männer wollen meine Argumente endlos nach Fehlern und Schwachstellen abklopfen, wollen zum Spaß kämpfen und mit mir streiten und fragen sich, diese intellektuellen, klugen, engagierten Männer, warum nach Stunden der Debatte mein Stimme lauter wird und warum mein Gesicht sich rötet und warum sich, nach einer Stunde des Kampfes in meiner Ecke, Tränen in meinen Augenwinkeln sammeln. Warum musst du das alles so persönlich nehmen? Fragen die intellektuellen, klugen, engagierten Männer, die nie darüber nachgedacht haben, dass der Inhalt dieser abstrakten Fingerübung, die ihnen so viel Spaß macht, meine täglichen Erfahrungen sind.

(Quelle: insgesamt sehr lesenswerter Artikel auf Shakesville)

Feminismus und Sexismus sind für die Betroffenen kein Planspiel. Sie stellen meinen Alltag und den vieler Anderer dar, dem wir uns nicht entziehen können (Rassismus, Homophobie, Transphobie, Ableismus, Lookismus… analog). Dies zu respektieren ist dann Gegenstand der Übung. ;)

Um das nochmal mit Nachdruck klarzustellen: Ich rede hier explizit von denen, die mit Worten um sich schlagen: Die DISKRIMINIERUNG! brüllen, wenn sie Gegenwind für eine rassistische Aussage bekommen. Die auf ihre Meinungsfreiheit beharren, wenn man sie darauf hinweist, dass sie sich gerade mindestens grob beleidigend äußern. Die Diskussionen über Quotenmodelle mit den immer gleichen (leicht google- und widerlegbaren) Argumenten „Quotenfrau, Reverse Sexism, Unfähigenbeförderung, T*****Bonus gibts doh eh schon” kapern. Die, die meistens laut und in übergriffiger Sprache klar machen, dass man sich um sie zu kümmern hat und zwar jetzt. Dieses Anspruchsgehabe ist nicht nur unangenehm, sondern riecht ziemlich streng nach privileg.

TL; DR: RTFM oder frag nach. Aber erwarte nicht von denen, mit denen du diskutieren möchtest, dass sie alles stehen und liegen lassen, um dir zuzuhören, wenn du dir im Gegenzug nicht mal die Zeit zum googlen oder freundlich sein abringen kannst.

 

flattr this!

10 Responses to “Noobspotting”

  1. monoxyd sagt:

    Ich würde heute Abend den Teil mit dem Googeln und Handbuchlesen gerne nicht zur Vorraussetzung machen, aber dafür um so mehr der zweiten Forderung entsprechen: Freundliches Miteinander.

    Ich gehe ansonsten konform mit dir: Wer sich auf eine Gegenargumentation einlässt, sollte dafür Gründe haben. Ich glaube halt, dass es eine Grauzone gibt, wo die einen noch denken, dass sie nur eine Frage gestellt haben und die anderen schon Schaum vor dem Mund haben (in beiden Richtungen), die würde ich gerne auflösen und quasi so etwas wie eine gemeinsame Grundlage schaffen, so dass es im besten Fall als Podcastmanual dienen kann, was heute passiert.

    Generell ist das – so hoffe ich zumindest – der gemeinsame Nenner aller Anrufer heute Abend: Freundlich, direkt und offen miteinander sprechen. Ich bin gespannt.

    • lotterleben sagt:

      Als Handbuch setze ich die ersten paar Zeilen des Wikipediaartikels voraus. ;) Aber ja, klar, dass das nicht Voraussetzung sein muss, hab ich ja auch geschrieben. Ohne jegliches Vorwissen auf eine Art und Weise in eine Diskussion einzusteigen, die suggeriert, män hätte es (oder klar macht, dass man denkt dass man für $Thema kein Vorwissen braucht) ist ja was anderes als Diskutieren und lernen. Anschauungsbeispiel: Wenn ich einen freeBSD-Nerd kennen lerne, frage ich ihn oder sie nett, ob ich mal zugucken darf was er/sie da macht udn ob die Person mir erklären mag, was da passiert. Ich kann vielleicht auch Behauptungen aufstellen und fragen, ob das so Sinn ergibt. Wenn ich diese Person aber erstmal zum Nerdduell auffordere, ohne jemals ein freeBSD von innen gesehen zu haben, mache ich mich im besten Fall zum Amusement meines Gegenübers zum Obst. Im schlimmsten Fall verhalte ich mich grob respektlos und koste jemanden Zeit und Nerven.

  2. monoxyd sagt:

    Mir scheint, im Grunde genommen wollen wir dasselbe. Das stimmt mich für die Sendung heute hoffnungsvoll. :)

  3. Endolex sagt:

    Werde auf jeden Fall reinhören. Bin sehr gespannt. Ich finde es schade, dass die Aktion von einigen als ein privilegierter Griff nach Deutungshoheit gesehen wird statt als das, was es meinem Gefühl nach will: Verständnis erlangen, Aufmerksamkeit für das Thema erzeugen.

  4. Jan-Erik sagt:

    “Die Diskussionen über Quotenmodelle mit den immer gleichen (leicht google- und widerlegbaren) Argumenten [...] Reverse Sexism”

    Eine Frauenquote *ist* reiner Sexismus. Eine Position (nicht) zu
    bekommen nur auf Grund seines Geschlechts.

    Insbesondere ist es in der Genderdebatte sehr “spannend”
    zu Beobachten, wie reagiert wird, wenn man die
    Benachteiligungen/Diskrimminierungen von Männern in
    unserer Gesellschaft zur Sprache bringt.

    • lotterleben sagt:

      Ja, es ist auch interessant zu beobachten wann und mit welcher (unbewussten) Intention die what about the menz-Einwürfe kommen (siehe dazu auch: http://antiprodukt.de/feminismus-101-teil-7-was-ist-falsch-an-what-about-teh-menz/ ). Sie ziehen allzu oft die Aufmerksamkeit auf den Einwerfenden, weg vom eigentlichen Thema. (Ich vertrete da eine first come, first serve philosophie: wenn dein Einwurf vom derzeitigen Thema weglenkt, obwohl es noch nicht abgeschlossen ist, warte darauf, dass dies der Fall ist und achte darauf, dass deine Beiträge nicht derailen. Danach bist du dran. Besseres Diskussionsklima und mehr Erkenntnisgewinn für alle. )
      Sie dienen außerdem der Relativierung von Erfahrungen Anderer. Oder untermalen den Vorwurf, Feminist*en seien ja Männerhasser* ( *hüstel* http://stadtpiratin.blogspot.de/2009/07/genderspective.html , http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1471-6402.2009.01491.x/abstract), weil sie in ihrer Freizeit nicht auch noch hinter allen Männern* aufräumen und für deren rechte gleich explizit mitkämpfen (dass Verbesserungen für Männer immer ein Seiteneffekt ist, ist natürlich zu vernachlässigen). Dieser Vorwurf kommt besonders gern von denen, die nebenbei noch die Anspruchshaltung erheben, man müsse ihnen diesen Femi-Unsinn jetzt sofort und mit bedingungsloser Engelsgeduld erklären. Man scheint hier davon auszugehen, dass alle Feminist*en eines von Hermines Zeitamulettgadgets hätten. Schön wär’s….

    • sebfischb sagt:

      Die Frauenquote ist eine künstliche Ungleichheit, die der gesellschaftlich gewachsenen entgegen gesetzt werden soll.

  5. Max sagt:

    Ich habe mir einige der verlinkten Seiten angeschaut und ich finde es ist schon dreist den Männern vorzuwerfen das sie sich an der Diskussion mit ihren Gegenargumenten beteiligen wollen.

    Das eigentliche Problem sind nicht die menz-Einwürfe sonder die unzureichenden Diskussionsfähigkeiten damit umzugehen. Wenn man sinnvoll diskutieren will muss man unterscheiden lernen wer nur Troll ist und wer ernsthaft interessiert ist. Genauso ist das RTFM extrem unhöflich und führt zu entsprechenden Reaktionen. Die meisten Menschen informieren sich lieber durch ein direktes Gespräch (soziale Kontakte) anstatt selber trockenen Stoff mit vielen unbekannten Fachwörtern durch zuarbeiten.

    Immer wieder den Erklärbären zu spielen bis es der Großteil verstanden hat gehört zu gesellschaftlichen Veränderungen nun mal dazu. Genauso wie ein langer Atem. Und wenn man dazu selber keine Lust mehr hat muss man andere willige Leute anlernen wie man das richtig macht.

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