Die Shitstormkritische Ratloseria.

Shitstorms. Sie sind Teil unserer Debattenkultur. Sie können filtern, reinigen– und hemmen und verdammt verletzen. Wir haben uns alle schon einmal darüber beklagt. Dank ihnen trauen sich Piraten nicht, Themen anzuschneiden oder (öffentlich) zu Ende zu denken. Sie werden als Argument gegen das sog. „Klarnamensliquid“ benutzt. Ganz gleich, ob wir für oder gegen dieses Konzept sind, glaube ich, dass die Verwendung von „Anfeindungen und Shitstorms“ als Argument problematisch ist.

In der Piratenpartei gelten Shitstorms als kleine, aber unkippbare Naturkatastrophe. Alle paar Monate rantet irgendjemand beherzt gegen unsere Debattenkultur, hat furchtbar recht, bekommt fleißig +1e, Flausch und Flattrklicks und was passiert? Nix. Die Leute, die sich gerade eben noch Herzchenschwingend die Kommentarspalte eines solchen Blogbeitrags teilten, hauen sich ein paar Tage später wieder fleißig die Köpfe ein.

Nach meinem ersten Heulkrampf wegen einer Scheisseböe habe ich versucht, herauszufinden, wie man dem entgegentreten kann. Wie man sich und andere schützen und selber nicht mehr daran teilnehmen kann. Ich versuche seitdem bewusst, nicht mehr zu pöbeln (bzw das an meinem Kissen auszulassen), konstruktiver zu werden und anderen den Rücken zu stärken. Ich habe dabei viel dazugelernt, bin aber auch wütender geworden.

Ich bewundere besonnene Piraten. Ich bin aber keine davon. Ich kann ein gewisses Maß an Wut verarbeiten, ich kann Mails vor dem Abschicken ein paar Stunden liegen lassen, mehr Piratenarbeit im RL machen (großer Fail meinerseits, hab ich sehr vernachlässigt), tief durchatmen, Argumente sammeln und erklärbären. Allerdings ertappe ich mich immer öfter dabei, wie ich stattdessen knapp oder pampig werde oder mich wortlos Gesprächen entziehe, wenn ich merke, dass ich kurz davor bin zu brüllen, denn ich kann meinen Charakter nicht grundlegend ändern. Ich bin aufbrausend und verletzbar. Wenn ich Wut zu lange in mich hineinfresse, explodiere ich (oder ich werde zynisch). Unschön.

Was mich nämlich noch wütender gemacht hat, war meine eigene Unfähigkeit, meinem rant Taten folgen zu lassen. Ich glaube, dass einer der Schlüssel zu Flausch und Beteiligung in unserer Partei im Konstruktiven Umgang mit Frust und Meinungsverschiedenheiten liegt, die ja derzeit in der Regel in Shitstorms münden. Ich habe mir das Hirn zermartert, wie das wohl gehen könnte. Wahrscheinlich fehlt es mir an Geistes/Sozialwissenschaftlichem Background und Lebenserfahrung, um auf sinnvolle Lösungsansätze zu kommen, aber ich möchte die Suche noch nicht aufgeben.

Deshalb: Wessen Schild, Schwert und Wattebäuschchen darf ich mitschwingen, um gemeinsam eine Lösung zu erarbeiten, die die Debattenkultur in der Piratenpartei, vor allem online, in konstruktivere Bahnen lenkt?

Im Ernst:

  • Wie verhindern wir, dass laute Einzeltrolle nicht zur scheinbar unbezwingbaren Rantmauer werden und der Eindruck eines Gegenwindes entsteht, der so eigentlich berhaupt nicht existiert?
  • Wie verschaffen wir leisen, zurückhaltenden, besonnenen Piraten vor allem in Blick auf den vorherigen Punkt Gehör?
  • Wie können Polterpiraten ihre Gefühle am besten Konstruktiv nutzen?
  • Wie stärken wir konstruktiven Anliegen den Rücken? (extends SG Shitstorm)

und vor allem:

Wie zum fick automatisieren wir das?

Einzelflausch ist toll und hilfreich, aber er ändert nichts an der Struktur, gegen die er anflauscht. Wie genau sieht diese Struktur aus und wie können wir sie hacken?

Ich hab da mal ein Pad gebaut:
https://piratenpad.de/p/Flauschprofessionalisierung
Über Unterstützung und Anregungen würde ich mich sehr freuen.

So long and thanks for all the Flausch,
Lotte.

flattr this!

7 comments Write a comment

  1. Eine einfache Sache die ich oft benutze ist: “Hey hier ist meine Handynummer. ruf sofort an und wir klären das”. Es geht ja nicht ums direkte, nicht öffentliche klären sondern um das öffentliche ranten ohne Klärungswillen. Ansonsten: Ignorieren. Ich sehe gar nicht ein, warum ich auf Getrolle reagieren soll. Wer darauf reagieren will soll das gerne tun, aber dann bitte nicht rumheulen.

    • Ja, den Ansatz finde ich gut.
      Ignorieren ist wahrscheinlich das Beste für’s Gemüt, aber bis man an dem Punkt ist wo man auf „block“ klickt, wurde ja schon Schaden angerichtet. Man kann sich dafür ein hinreichend dickes Fell wachsen lassen, aber irgendwo ist Schluss. Ich möchte mich nicht in einer kritiklosen Filterblase einigeln müssen, weil ich nicht vollends aus Teflon bestehe.

  2. Es hat mich ganz am Anfang der Piratenpartei gewundert, dass niemand da bewusst gegensteuert hat. Vermutlich die Hoffnung, dass Anarchie doch funktioniert.

    Das war dann auch der Hauptgrund weshalb ich mich zurückgezogen habe…

    Wirklich merkwürdig, dass es nach ~2 Jahren nicht besser ist.

    (Meine Vorschläge hab ich unter anderem Nick bereits ins Pad geschrieben)

  3. Ich denke das in einer so unmittelbaren Umgebung wie dem Internet ein spontaner Rant nur schwer zu unterdrücken ist. Wichtig ist, das nach dem Streit die Uhren wieder auf Null gehen und man ein neues Thema mit neuen Argumenten neu diskutiert. Ich bin viel im RL der Piraten unterwegs, und ich erlebe bei manchen Leuten häufig, das sie mir Argumente persönlich übelnehmen. Eine solche Gefolgschaftskultur ist leider Teil unserer Wettbewerbsgesellschaft, das ausfließen in Shitstorms im Internet halte ich nur für ein Symptom davon.

  4. Ich verstehe was Du meinst, ich denke da nämlich selber schon länger drüber nach und hatte einen nicht unähnlichen Blogeintrag dazu im Sinn. Aber da kamst du mir jetzt glatt zuvor :).

  5. Ah, Du hast das Thema schneller beackert als ich. :)
    Ich sehe beim Shitstorm/Rant mindestens drei separate Diskussionsfails, die nicht zwingend zusammen auftreten:

    1. Wechsel von der Sach- auf die persönliche Ebene. Aus unterschiedlichen Meinungen wird auf einmal Antipathie gegen die Person hergeleitet, die dann umgehend verbal demonstriert wird. (Anfeindung)

    2. Mangel an verbaler Diplomatie. Da wird mit Kraftausdrücken um sich geworfen, übel polemisiert, suggeriert, bewusst überspitzt, der Worst Case der Interpretationsmöglichkeiten hergenommen, und und und. Statt im Zweifelsfall erstmal nachzufragen, wie das denn gemeint war.

    3. *Über* denjenigen mit der anderen Meinung zu reden statt *mit* ihm. Da wird etwas gelesen und darüber monologisiert oder an Unbeteiligte weitergetragen, anstatt zuerst einmal mit dem Urheber in Kontakt und somit in einen eventuell sogar konstruktiven Dialog zu treten.

    Grundsätzlich gilt natürlich:
    Kritik kann, darf und muss geäußert werden, aber das sollte man sachlich und höflich tun können, egal wie sehr einen das Thema emotional mitnimmt. Kann man es in dem Moment nicht, sollte man vielleicht erstmal zwei Schritte von der Diskussion Abstand nehmen, bis man die nötige Ruhe erreicht hat. Oder verbalisieren, dass einen die Sache sehr aufregt.

    Die Frage ist: können wir andere als uns selbst dafür sensibilisieren und dazu bringen, mehr auf Diskussionskultur zu achten? Und wenn ja, wie? Sollte man Menschen aktiv darauf aufmerksam machen, dass sie gerade verletzend agieren? Darf man als Außenstehender diplomatisch in unsachliche Diskussionen eingreifen und vermitteln? Mir persönlich ist die SG Shitstorm nämlich manchmal zu passiv. Ich fürchte, es reicht einfach nicht, irgendwo einen Empfehlungskatalog rumliegen zu haben. Wie es idealerweise laufen sollte, wissen wir glaube ich alle. Wir müssen uns nur im Akutfall dazu bringen, uns auch daran zu halten. (Die unbelehrbaren Flamer kriegt man damit ja ohnehin nicht.)

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